Verletzungen

Ringbandverletzungen

von Dr. Thomas Hochholzer

Häufige Verletzungen bei Sportkletterer betreffen die Ringbänder an den Fingergrundgelenken. Beinahe jeder vierte Sportkletterer berichtet über wenigstens einen mehr oder minder schmerzhaften Unfall an der Hand mit anschließend langwierigen Behandlungszeiten. Interessanterweise zeigt sich bei den Verletzungen an der Hand eine Konzentrierung auf den Ringfinger. Diese Verletzungshäufigkeit ergibt sich auch aus den etwas ungünstigen Hebelverhältnissen, denen der Ringfinger unterliegt. Da er etwas kürzer als Mittel- und Zeigefinger ist, wird er bei aufgestellten Fingern und schrägem Zug nach unten maximal belastet.

Anatomie

Die Beugesehnen werden an den Mittelhand- und Fingerknochen durch mehrere querverlaufende Bänder am Knochen fixiert. Sie verlaufen dabei in Sehnenscheiden, um die Reibung bei Bewegung zu verringern. Vier bis fünf Ringbänder fixieren die Beugesehnen als Verstärkung der Sehnenscheiden auf ihrer Unterlage. (Abb. 1).

AnatomieRingbaender

Abb. 1: Schematische Darstellung der Ringbänder am Finger

Die Funktion der Ringbänder entspricht den Metallringen an einer Angel, welche die Leine auch bei Biegung parallel zur Angelrute führen. Das erste Ringband befindet sich auf Höhe der queren Hohlhandfalte, weitere Ringbänder finden sich am ersten und zweiten Fingerglied sowie über dem Endgelenk (Abb. 2).

AnatomieschnittRingband

Abb. 2: Anatomisches Präparat eines Ringbandes: Gut zu sehen ist hier,
wie eng der Verlauf der Beugesehne am Knochen ist. Das Ringband ist als
Verstärkung der Sehnenscheide angelegt.

Bei gewissen Stellungen der Finger stehen diese Ringbänder unter Anspannung. Beim Aufstellen der Finger an schmalen Leisten mit einer Überstreckung des Fingerendgelenkes kommt es zu starken Reibungsmomenten und Spannungszuständen. Meistens ist das sog. »A2-Ringband« am Grundglied betroffen (das »A« steht für Lig. anulare, das »2« für das vom Handteller aus gezählte zweite Band). In diesem Fall kommt es dann bei Beugung dazu, dass die Sehne sich aus ihrem Bett heraushebt und einen anderen Verlauf (Drehmoment) bekommt. Das führt zum Kraftverlust, abgesehen vom Verletzungsschmerz (Abb. 3).

schemaringbandriss

Abb.3 Ringbandriss

Unfallmechanismus

Oft ergeben sich bei der Befragung nach dem Unfallmechanismus ähnliche Situationen, aus denen dann diese Verletzungen entstehen:
– Ein kurzes Ausrutschen der Füße lässt plötzlich das ganze Körpergewicht auf
eine Hand kommen, der Kletterer hängt nur mehr an einer Hand.
– Aber auch ein schneller forcierter Zug beim dynamischen »Durchziehen« an
einem Griff wird als Ursache angegeben.
– Weiterhin hat sich das Schnappen und Springen nach Griffen oder das Verkanten in Fingerlöchern als sehr verletzungsanfällig für die die Ringbänder und Beugesehnen der Finger erwiesen.
– Viele der Kletterer geben als Unfallursache längeres Klettern an der –
Leistungsgrenze in ermüdetem Zustand an, typischerweise beim “Auspowern“ am Ende einer Trainingseinheit am Campusboard, eventuell sogar mit Doppeldynamos. Oft wird auch von einem deutlichen »Schnalzen« berichtet, das so laut ist, dass auch der mehrere Meter entfernt Sichernde dies Geräusch noch hören kann.

Symptome und Diagnostik

Anschließende Schwellungen, Blutergüsse des Fingergrundglieds oder Bewegungseinschränkungen des Fingermittelgelenks sind überdeutliche Symptome dafür, dass nicht nur eine Bagatellverletzung vorliegt, sondern dass anatomische Strukturen verletzt oder gerissen sind. Bei derartigen Verletzungen und Symptomen darf nicht mehr weitergeklettert werden (mit der Meinung dass wird schon wieder«), sondern die Verletzung muss einer baldigen Diagnostik und Therapie zugeführt werden. Bei solchen Verletzungen mit den beschriebenen Unfallmechanismen ist meist die funktionelle Einheit »Muskel-Beugesehne-Sehnenscheide-Ringband« betroffen, wobei sich die meisten Verletzungen auf das Fingergrundglied konzentrieren.

Symptome bei Ringbandverletzungen

    • »Krachen« oder »Schnalzen« beim Unfall
    • Schwellung im Fingergrundglied
    • Bluterguss
    • Schmerzen bei Belastung
    • Bewegungseinschränkung
  • Tastbares Hervortreten der Sehne (bei vollständigem Riss)

Wir konnten bei einer Reihe von ähnlichen Verletzungen Risse und Teilrisse des Ringbandes am Fingergrundglied, Einrisse der Sehnenscheiden der Beugesehnen und in wenigen Fällen auch Verletzungen der Beugesehnen selbst (Teilanrisse) finden. Eine Häufung dieser Verletzungen der funktionell anatomischen Einheit der Beugesehnen mit den Ringbändern lässt sich durch die besondere Belastung dieser Strukturen beim Klettern erklären: Beim Aufstellen der Finger sind Beugesehnen und Ringbänder einer maximalen Anspannung unterzogen, bei weiteren Belastungen, wie dem Ausrutschen von einem Tritt oder Griff, wird die Festigkeit dieser Strukturen überschritten, und es kommt damit zum Einriss oder Riss (Abb. 4).

Ringbandruptur

Abb. 4: Kernspinbild einer Ringbandruptur. Die Beugesehne (schwarz)
verläuft nicht mehr am Knochen. Die weiße Struktur zwischen Sehne und
Knochen entspricht einer Einblutung.

Man muss sich verdeutlichen, dass bei solchen Klettersituationen das gesamte Körpergewicht an einzelnen Fingern hängt (statisch) und dann bei Bewegungen wie dem Hochziehen oder eben beim Durchziehen an einem Griff (dynamisch) sich diese Druck- und Zugbelastungen für die Ringbänder noch wesentlich erhöhen. Ob nun vollständige Ringbandrisse, Teilrisse oder nur Überdehnungen vorliegen, kann erst eine genaue Untersuchung aufzeigen. Sehr hilfreich hat sich die Sonographie erwiesen, mit der eindeutig die Schwere der Verletzung dargestellt werden kann. Sie ist sogar der Magnetresonanztomographie überlegen, da dynamisch unter Anspannung der Sehnen untersucht werden kann. Weiter müssen auch zusätzliche Verletzungen ausgeschlossen werden: Manchmal sind Schmerzen im Fingermittelglied an der Seite lokalisiert, was auf eine Verletzung eines Sehnenendzügels der Superficialissehne schließen lässt. In seltenen Fällen kann neben dem A2-Ringband am Grundgelenk auch das nächste Ringband – das A3-Ringband -mitreißen. Dies ist eine komplexe Verletzung mit einer Instabilität im Beugesehnenbereich, die operiert werden müßte.

Therapie

Erfahrungsgemäß sollten diese Verletzungen je nach Schwere auf einer Fingerschiene für wenige Tage bis zu drei Wochen konsequent ruhiggestellt werden. Dadurch kann man doch den oft sehr langwierigen Heilverlauf (Abb. 2.10) – wenn diese Verletzungen nicht behandelt werden – deutlich abkürzen. Gerade den verletzten Sehnenscheiden, die, wie bereits erklärt, eine wichtige Funktion bei der Ernährung der Sehnen selbst besitzen, muss man durch eine kurzfristige Ruhigstellung Zeit geben, dass sie in der Heilphase vernarben und damit wieder zu einem intakten, die Sehne umschließenden »Schlauch« ausheilen können.
Verletzungen der Finger, die mit einer Schwellung oder sogar einem Bluterguss verbunden sind, sind keine Bagatellverletzungen, sondern müssen genau diagnostiziert und behandelt werden. Leider wird ein Großteil dieser Verletzungen nicht sofort behandelt, wodurch es meist zu einem sehr langwierigen Heilverlauf kommt. Frische Risse des A2-Ringbandes, die sofort behandelt werden, haben eine sehr gute Prognose, die volle Belastungsfähigkeit kann bei optimaler Behandlung nach 2-4 Monaten wieder erreicht sein. Das Problem dieser Verletzung liegt in der Erkennung und den geringen Schmerzen. Schmerzen sind nur in Belastung und nicht in Ruhe vorhanden, was meist zu einer Bagatellisierung verleitet.

Wie Sonographieuntersuchungen an verletzten Ringbändern zeigten, heilen diese Risse mit einer guten Vernarbung aus, das Abheben der Beugesehne vom Knochen (siehe Kernspintomographiebild) bleibt jedoch zu einem gewissen Grad erhalten. Eine Einschränkung in der Belastungsfähigkeit oder der Kraft des verletzten Fingers bedeutet dies jedoch nicht. Das anfänglich vorhandene Kraftdefizit, bedingt durch die fehlende Umlenkung der Sehne am A2-Ringband und einer Änderung des mechanischen Hebels, wird bald durch Anpassungserscheinungen ausgeglichen.

Therapie bei Ringbandverletzungen

    • selten Operation (kombinierte A2- A3 Ringbandverletzungen)
    • Ruhigstellung auf einer Schiene (1 bis 3 Wochen)
    • danach Tape
    • Antiphlogistikum
    • zusätzliche Eisbehandlung
    • intensive Rehabilitation
  • Kletterverbot für 4 bis16 Wochen
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