Sturzangst

Sturzangst

Eine besondere psychische Situation beim Klettern ist das Stürzen und die Angst vor dem Sturz. Jedes noch so gute Konditions- oder Techniktraining hilft nicht weiter, wenn man Angst vor dem Stürzen hat. In vielen Fällen ist die Sturzangst der leistungslimitierende Faktor. Es gilt sich dies ehrlich einzugestehen. Die Angst vor dem Sturz ist angeboren und normal. Ohne Seil und Haken oder Crashpad hätte ein Sturz fatale Folgen. Es ist uns in die Wiege gelegt diese Situation vermeiden zu wollen. Nun ist der Sturz beim Sportklettern -von wenigen Ausnahmen abgesehen- sehr sicher und gefahrlos. Dennoch verspürt man oft die Angst vor dem Sturz. Diese Angst begrenzt die Leistungsfähigkeit oftmals mehr als die fehlende Kraft oder Technik. Angst hemmt und beansprucht die gesamte Aufmerksamkeit für sich. Im Zustand der Angst ist schweres Klettern nicht möglich, da die Gedanken sich um den Sturz drehen und man sich nicht auf das Klettern konzentriert. Sturzangst ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Das Spektrum der Sturzangst reicht vom Vermeiden des Vorsteigens um jeden Preis, wobei das Klettern zu einem ständigen inneren Kampf mit der Angst wird, bis zum Auftreten der Angst nur in Ausnahmesituationen, beim Klettern an der Leistungsgrenze oder in einem bestimmten Gelände. Bei Ersterem hemmt die Angst jedes leistungsorientierte Klettern beim Zweiten hemmt sie nur situativ. Letzteres führt oft dazu, dass genau diese Situation vermieden wird. Auch dies schränkt die Leistung ein, da man seine Routen so auswählt, dass die Situation vermieden wird. Sturzangst führt zu einem Teufelskreis, der mit sicherheitsbedachtem, statischen Klettern beginnt. Dieses ist anstrengend, es entsteht noch mehr Angst und man klettert noch langsamer und statischer was wiederum noch mehr anstrengt. Der einzige Weg diesem Kreis zu entkommen ist sich der Situation zu stellen und zu stürzen. Nicht einmal, sondern häufig und immer wieder. Sturzangst baut sich nicht in einer Trainingseinheit ab. Man muss über Wochen und Monate bei jedem Training mehrfach (5-10mal) stürzen und dies auch später im Training beibehalten.

Durchführung

Am einfachsten ist es, bei jeder Aufwärmroute vor dem Clippen des Umlenkers in den letzten Haken zu springen. Bei weiteren Abständen kann man einige Züge zum letzten Haken zurückklettern. Es muss natürlich sicher sein, d.h. man darf nirgendwo an- oder aufschlagen und der Sturz darf nicht am Boden enden können. Am Anfang ist die Kletterhalle ideal. Die Hakenabstände sind gering und das Gelände ist meistens steil, sodass man kaum anschlagen kann. Man beginnt in kleinen Schritten. Zunächst „springt“ man mit dem Bauchnabel am Haken, dann mit den Knien und darauf mit den Füßen am Haken. Vielmehr muss gar nicht sein. Größere Stürze sind beim Sportklettern die Ausnahme.

Stürzen

Richtiges Stürzen kann damit beginnen den Sicherer vorzuwarnen und „zu“ oder „pass auf“ zu rufen. Dies kann am Anfang Mut machen, sollte aber nicht dauernd Verwendung finden, da ansonsten der Sicherer abstumpft. Im Falle eines unkontrollierten Sturzes muss der Sicherer auch ohne Zuruf reagieren. Der Sturz selbst wird durch ein leichtes Abdrücken von der Wand eingeleitet. Nicht zu stark, da man sonst von außen gegen die Wand schwingt, aber auch nicht zu wenig. Im Fallen wird eine aktive Körperhaltung eingenommen. Die Beine sind leicht gespreizt, die Knie und Füße gebeugt. Diese Haltung ermöglicht es den Anprall an der Wand mit den Beinen zu dämpfen. Mit einer Hand kann das Seil am Knoten gefasst werden. Dies erleichtert es den Rumpf aufrecht zu halten.

Sichern

Oft wird das Seil vor dem Sturz vom Sicherer straff gezogen. Dies führt dazu, dass der Schwung gegen die Wand härter und schneller wird. Wenn der Boden in der Nähe ist, macht das Sinn, ansonsten sollte man darauf verzichten. Dies hemmt nur das Stürzen lernen. Ein guter Sicherer ist für das Sturztraining unverzichtbar. Selbstverständlich sind gute Kenntnisse und Erfahrungen mit der verwendeten Sicherungstechnik. Der Sicherer sollte das Seil leicht -aber nicht bis auf den Boden- durchhängen lassen. Bei den Stürzen sollte er kein Seil einziehen oder das Seil straff ziehen, sondern den Sturz normal abfangen, evtl. aktiv mit dem Körper nachgeben. Auch für das Sturztraining gilt variieren. Wenn man halbwegs an die Situation gewöhnt ist, sollte man den Sicherer, die Routen und das Gelände verändern. Später kann man auch Halle und Fels variieren. Literatur: MacLeod, D. (2009). 9 Out of 10 Climbers Make the Same Mistakes. Rare Breed Productions. Ilgner, A. (2009). Espresso Lessons From The Rock Warrior’s Way (First.). Desiderata Institute.

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