Sicherheit beim Bouldern

Bouldern gilt allgemein als sichere Variante des Kletterns. Jedoch zeigen Statistiken, dass sich beim Bouldern mehr Unfälle ereignen als beim Klettern mit Seil. Allerdings sind die Unfälle deutlich weniger gravierend wie die Analysen von KLEVER und DAV zeigen (http://blog.klettertraining.de/unfallzahlen-beim-bouldern/).

Beim Bouldern ist jedes Abspringen, jeder Sturz ein Bodensturz. Zwei Aspekte sind daher von Relevanz, der einzelne Sturz mit ungünstigem Sturzverlauf und die Vielzahl der Stürze. In beiden Fällen können entweder sofort oder dauerhaft Verletzungen oder Schädigungen entstehen.

Die Kräfte, die beim Abspringen beim Bouldern wirken, sind erheblich. Bereits nach zwei Metern freier Fall trifft man mit einer Geschwindigkeit von über 22 km/h am Boden auf. Aus 3,5 Metern, einer durchaus nicht ungewöhnlichen Ausstiegshöhe in Boulderhallen, sind es fast 30 km/h (http://www.angio.net/personal/climb/speed).

Sturzkraft Auffang Darstellung Bergfreunde.de

Diese Graphik veranschaulicht die Kräfte bei einem Sturz, auch wenn die richtige physikalische Größe die Energie und nicht die Masse ist. Die Energie beim Aufprall kann man hier korrekt berechnen 

https://www.bergfreunde.de/aufprallkraft-klettersturz-rechner/

Um Verletzungen durch Stürzen und Abspringen beim Bouldern zu vermeiden, sollte man Folgendes beachten:

  • Sturzraum präparieren (outdoor)
  • Sturzraum freihalten
  • Spotter? Klären, ob ein Spotter sinnvoll und notwendig ist.
  • Je nach Höhe richtig landen oder abklettern

Sturzraum Indoor / Boulderanlage

Beim Bouldern in einer Halle sind normgerechte Matten vorhanden. Hier kommt es darauf an den Sturzraum richtig einzuschätzen und von Gegenständen und Personen freizuhalten. Leider nehmen viele Indoor-Boulderer Trinkflaschen und andere Gegenstände mit auf die Matten. Vorsicht ist auch geboten, wenn Personen unter Boulderern hindurchlaufen und mögliche Sturzräume nicht erkennen können oder zuschauend im Sturzraum sitzen.

Sturzraum Outdoor

Beim Bouldern outdoor muss der Sturzraum durch Auslegen von Bouldermatten präpariert werden. Steine, Wurzeln und andere Unebenheiten am Boden müssen abgedeckt werden. Ebenso müssen seitliche Hindernisse wie Felsen oder Bäume abgeschirmt werden. Hierzu benötigt man oft mehrere unterschiedliche Matten. Starterpads sind gut für Sitzstarts, aber auch um seitliche Hindernisse abzusichern. Dicke Matten eignen sich für Stürze / Absprünge aus größeren Höhen. Zur Grundausstattung sollte eine dickere Matte und 1-2 Starterpads gehören.

Oftmals kommt es vor, dass die Matten nicht ausreichen um den gesamten Sturzraum abzudecken. Dann muss ein Partner eventuell die Matten verrutschen.

Nicht immer reichen die Matten aus. Durch geschicktes Auslegen, kann man trotzdem den Sturzraum sichern. Dünne Matten an den weniger gefährlichen Stellen, dicke Matten hier am Foothook, die dickste Matte am hohen Ausstieg ganz hinten rechts.

Wichtig! Auch seitliche Hindernisse abdecken. Dicke Matten, dort wo man aus größerer Höhe ungünstig landet.

Sturzraum freihalten

Leider nicht selbstverständlich: der Sturzraum ist von Gegenständen und Personen freizuhalten. Dies fängt bei Flaschen, Bürsten, Chalkbags usw. an, die im Sturzraum nichts verloren haben, und hört bei Personen auf, die sich hier aufhalten. Auch ein ungeübter oder nicht notwendiger Spotter kann ein Hindernis sein.

In der Boulderhalle kommt es oft vor, dass Leute aus Unwissenheit oder Gedankenlosigkeit durch den Sturzraum laufen. Hier hilft es, einen Partner zu bitten den Sturzraum während des Boulderns freizuhalten.

Sturzraum freihalten, keine Personen im Raum

Sturzraum freihalten, keine Gegenstände im Raum

 

Flaschen gehören nicht in den Kletterbereich. Besonders gefährlich: aufgestellte Knie im Sturzraum. 

Spotten

Ziel des Spottens ist es, Kopf- und Rückenverletzungen durch Aufschlagen am Boden zu vermeiden. Der Spotter lenkt den Boulderer so, dass dieser nach Möglichkeit auf den Füßen, zumindest aber nicht mit dem Rücken oder Kopf auf den Matten landet oder gegen Hindernisse prallt.

Wann Spotten? Indoor

Aus dem Ziel des Spottens ergibt sich, dass Spotten beim Bouldern indoor mit normgerechten Matten und hindernisfreien Sturzräumen in der Regel nicht erforderlich ist. Beispielsweise wird beim Boulderweltcup und anderen Wettkämpfen nicht gespottet. Spotten indoor ist nur dann erforderlich, wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, unkontrolliert auf dem Kopf oder Rücken zu landen oder mit unbeweglichen Hindernissen zu kollidieren. Ein Sturz auf den Kopf ist beispielsweise bei Überkopfhooks möglich. Die Kollisionsgefahr besteht in ungünstig angelegten Boulderhallen und Bouldern beispielsweise an Torbögen.

Wann Spotten? Outdoor

Beim Bouldern outdoor muss das Spotten differenzierter betrachtet werden. Hier sind oftmals Hindernisse im Sturzraum vorhanden, das Absprunggelände ist uneben oder abschüssig und die Landefläche ist aufgrund der kleineren und dünneren Crashpads weniger sicher als beim Bouldern indoor. Spotten ist daher sehr viel häufiger sinnvoll oder gar notwendig. Wann beim Bouldern outdoor gespottet wird, sollte wohl überlegt werden. Generell immer muss nicht gespottet werden.

Wie spottet man?

Aufgrund der großen Energie, die beim freien Fall entsteht, ist Spotten nur in einem bestimmten Höhenbereich, der Spotzone, möglich. Unter einer Höhe von 1 Meter hat man praktisch keine Chance, den Boulderer vernünftig zu spotten. Hier kann die Sicherheit nur über Matten hergestellt werden. Um jemanden auf die Füße zu lenken, muss man sehr nah am Rücken des Boulderers sein. Dies setzt das Limit nach oben. Der Rumpf des Boulderers muss in der Reichhöhe des Spotters oder knapp darüber sein, also in etwa bis zu 3 Metern. Die Spotzone liegt in einer Höhe von ca. 1 bis 3 Metern bezogen auf die Hüfte des Boulderers. Ein Meter ist in etwa die Höhe, ab der ein kniender Spotter eingreifen kann. Drei Meter ist die Höhe der letzten Eingriffsmöglichkeit eines stehenden Spotters mit ausgestreckten Armen zuzüglich 50-80 cm kontaktloser Fall.

Oberhalb der Spotzone wird das Spotten auch für den Spotter gefährlich. Die Gefahr bei einem unkontrollierten Sturz durch Arme oder Beine des Boulderers verletzt zu werden, steigt mit der Sturzhöhe. Hier gilt es die Gefahren abzuwägen. In der Halle ist aufgrund der vorhandenen Matten und des hindernisfreien Sturzraums spotten oberhalb der Spotzone meist verzichtbar. Outdoor kann es bei vorhandenen Hindernissen dennoch sinnvoll sein. Unter Umständen muss man auch die Entscheidung treffen auf einen zu gefährlichen Boulder zu verzichten.

Spotzone zwischen ca. 1-3 Metern.

Ziel des Spottens ist nicht das Auffangen, sondern das Lenken des Boulderers auf die Füße und die Matte. Dies sollte Spotter und Boulderer bewusst sein. Der Spotter sollte über genügend Kraft verfügen, sprich in etwa gleich groß und schwer oder größer und schwerer sein als der Boulderer.

Grundhaltung: Der Spotter steht in stabiler Fußstellung mit leicht gebeugten Knien, die Arme sind leicht gebeugt und nach oben gerichtet. Die Hände sollten möglichst nah am Rücken, knapp unterhalb der Schulterblätter, sein. Die Daumen werden an die Zeigefinger angelegt, um Verletzungen beim Spotter zu vermeiden. Beim Spotten in niedriger Höhe muss der Spotter sich hinknien.

Absprache: Vorab mit dem Boulderer absprechen, ob überhaupt und wenn ja, bei welchem Zug gespottet werden soll. Ansonsten kann ein gut gemeinter Impuls zu einem gefährlichen „Schubser“ werden.

Aufmerksam sein: Während des Spottens den Boulderer aufmerksam beobachten und den möglichen Sturzverlauf antizipieren.

Übungsreihe Spotten

Wichtig! Bei allen Übungen wie beim Bouldern selbst benötigt der Fallende ausreichend Körperspannung.

  • Der Boulderer steht gerade mit angelegten Armen am Boden und lässt sich mit hoher Körperspannung (fest wie ein Brett) rückwärtsfallen, der Spotter steht hinter dem Umfallenden und fängt ihn auf.
    • Hände unmittelbar am Boulderer
    • Hände maximal 0,5 Meter entfernt
  • An der Wand aus 0,5 Meter Fußhöhe den Boulderer auf die Füße lenken.
  • Wie oben aus 1 Meter Fußhöhe (Schulterblätter sind leicht oberhalb der Reichhöhe des Spotters).
  • Spotten im starken Überhang oder Dach in Reichhöhe.

Das Spotten mit Richtungsimpuls muss separat geübt werden. Es sollte nur von einem eingespieltem Team Boulderer – Spotter angewandt werden.

Runterkommen: Stürzen, Landen, Abspringen, Abklettern

Runter kommen sie beim Bouldern alle, die Frage ist nur wie. Häufiges Abspringen aus größeren Höhen mit entsprechend harten Landungen kann dauerhaft zu Rücken- und Kniebeschwerden führen. Richtiges Stürzen und Landen kann helfen Verletzungen zu vermeiden.

Dabei ist zu unterscheiden von wo man stürzt oder abspringt. Bis zu einer Kletterhöhe bezogen auf die Hüfte, kann man kaum auf den Füßen landen. Hier sollte man sich in den freigeräumten Sturzraum mit dem Babyboxer (siehe Bild) abrollen. Bei einer Hüfthöhe von 1-3 Metern sollte man kontrolliert abspringen und auf beiden Füßen landen. Wenn ausreichend freier Sturzraum vorhanden ist, kann man nach hinten abrollen wie beim Babyboxer. Bei einer Hüfthöhe über 3 Meter  empfiehlt es sich, ein Stück abzuklettern und wie beim Abspringen zu verfahren. Ist Abklettern nicht möglich und der Sturzraum frei, ist die beidbeinige Landung mit Babyboxer die beste Option.

Babyboxer

Beim Babyboxer wird zunächst auf den Füßen oder auf dem Gesäß gelandet, die Arme werden angelegt und die Finger zur Faust geschlossen. Hierbei ist es wichtig, den Kopf anzuheben. Mit dem Babyboxer rollt man bei Stürzen aus geringer Höhe über den Rücken ab.

Übungsreihe Babyboxer

  • aus der Hocke rückkippen in den Babyboxer
  • an Bodennähe (0,5-1 Meter über dem Boden) in der senkrechten Wand aus der Kletterstellung rückkippen in den Babyboxer
  • wie zuvor im Überhang

Abspringen und nachgebend landen

Aus etwas größerer Höhe kann man in der Regel abspringen und auf den Füßen landen. Hierbei ist es wichtig, möglichst nachgebend zu landen, um den Bremsweg zu verlängern.

Landung mit hüftbreiter Fußstellung auf beiden Beinen und Nachgeben in den Knien.

Übungsreihe beidbeinige Landung

  • mehrmaliges Abspringen aus zunehmender Höhe von 0,5 bis 1,5 Metern Fußhöhe mit nachgebender Landung 

Beidbeinige Landung mit Babyboxer

Aus größeren Höhen kann man bei freiem Sturzraum die beidbeinige Landung mit dem Babyboxer verbinden. Nach der Landung wird hier zunächst in den Knien nachgegeben und dann nach hinten gekippt und der Babyboxer zur Verlängerung des Bremsweges angeschlossen.

Verlängerung des Bremsweges durch beidbeinige Landung mit anschließendem Babyboxer.

Übungsreihe beidbeinige Landung mit Babyboxer

  • mehrmaliges Abspringen aus zunehmender Höhe von 1 bis 2,5 Metern Fußhöhe mit nachgebender Landung und anschließendem Babyboxer

Abklettern

Aus größeren Höhen, oberhalb von 3 Metern, ist Abklettern die beste Option. Aber auch darunter kann man oft ein paar Züge abklettern, bevor man abspringt. Beim Abklettern greift man mit einer Hand etwa hüfthoch und lässt sich dann langsam in den unteren Arm fallen. Dann folgen der zweite Arm und die Füße. In geneigtem Gelände kann man mit dem Rücken zur Wand abklettern. Das erleichtert die Übersicht über die Tritte und beim Abspringen sieht man die Landefläche besser ein.

Übungsreihe Abklettern

  • Abklettern eines leichten, senkrechten Boulders bis maximal 3 Meter
  • Abklettern eines leichten, überhängenden Boulders bis maximal 3 Meter
  • Abklettern und Abspringen an einem Dach
  • Abklettern rückwärts in einer Platte

Abklettern mit Händen hüfthoch, Füße in die Luft und Abspringen

Kinder und Jugendliche

Last but not least ist das Thema Abspringen, Stürzen und Landen für Kinder und Jugendliche besonders bedeutsam. Aufgrund der geringeren Köpergröße sind die Sturzhöhen in Relation zu Erwachsenen deutlich höher. Zugleich befinden sie sich noch im Wachstum und vertikale Belastungen auf die Wirbelsäule sollten vermieden werden. Daher gilt hier: Möglichst oft abklettern, Fallschule trainieren und wo es geht landen und abrollen.

Literatur

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